Donnerstag, 1. November 2012

Darf's ein bisschen Land sein?



Das Angebot in deutschen Zeitschriftenregalen erweitert sich laufend. Mittlerweile gibt es kaum eine Nische, kaum ein Hobby, für das es nicht eine eigene Zeitschrift gäbe. Eine Sparte der sogenannten „Special Interests“ scheint es den Verlagen und der nachfragenden Leserschaft dabei besonders angetan zu haben: Die Lust aufs Land!

Vielfältige Auswahl - Hier ist für jeden was dabei! (Foto: PS)

Und so kommt es, dass Schaufensterauslagen wie diese (siehe Foto) mittlerweile keine wirkliche Seltenheit mehr sind. Zeitschriften wie „Landidee“, „Liebesland“, „Landkind“ und die skandinavisch klingende „Lantliv“ haben längst ihren Siegeszug angetreten, nicht zu vergessen die alles übertrumpfende „Landlust“, die mit ihrer aktuellen Auflagenzahl selbst „Focus“, „Gala“ und „Bunte“ in den Schatten stellt.

Der rustikal-ländliche Lifestyle scheint eben anzukommen bei den Leserinnen und Lesern, wobei es  ein vorwiegend weibliches Publikum sein dürfte, das sich von Blumengebinden, Kürbissuppenrezepten, Heuhoteltests und raffinierten Scherenschnitten angesprochen fühlt. Blättert man dieser Tage in einem der Hefte, bietet sich ein stimmig harmonisches Bild: Man sieht Kinder, die im Herbstlaub spielen, bezopfte Schwedinnen mit Biostrickmützen, dicke Kürbisse, Kastanien und jede Menge Igel.  

Ach, ich mag den Herbst!


Peter Schepsmeier, Münster-Korrespondent

Mittwoch, 31. Oktober 2012

Biotope, Folge 10: Der Spreewald bei Lübbenau

Gurke auf Fahrrad (Foto: Lienhard Schulz aus der
deutschsprachigen Wikipedia).
Die Gurke begegnet dem Reisenden an jeder Ecke. An Häuserwänden prangt sie großformatig und grinsend,  in Gaststätten künden Info-Prospekte von ihrer Qualität, und natürlich gibt es auch Läden und Verkaufsstände mit den echten essbaren Spreewaldgurken. Die Tourismus-Industrie rund um Lübben und Lübbenau schlachtet den Verkaufsschlager Gurke bis zum oft zitierten Geht-Nicht-Mehr aus.

Das sollte indes nicht dazu führen, dass der Blick abgelenkt wird von der tatsächlichen Schönheit des Spreewaldes. Für diese Folge der Reihe "Biotope" werfen wir einen Blick auf die Gegend nahe Lübbenau. Von Berlin Alexanderplatz fährt die Regionalbahn eine Stunde bis dorthin. Zu Fuß läuft der Reisende dann nochmal eine Viertelstunde, bis er im grünsten Wald steht.

Landschaft
Jungpflanze zieht Kraft aus verrottendem Holz (Foto: CS).
Der Spreewald ist geprägt von einer beeindruckenden Menge kleiner und mittelgroßer Wasserläufe, die allesamt mit der Spree verbunden sind. In einigen Bereichen spaltet der Fluss sich in mehrere Läufe auf, in anderen Teilen des Waldes wurden künstliche Nebenläufe oder auch Verbindungen eingerichtet. Wer bei Lübbenau durch den Spreewald wandert, läuft alle paar Meter über Brücken. Der Kanut fährt unter ihnen hindurch.

Tiere
Allem Anschein nach eine sehr junge Erdkröte
im Herbstlaub (Foto: CS).
Angesichts der Vielzahl an Wasserläufen und auch kleinen Stehgewässern ist es wenig erstaunlich, dass der Spreewald ein Paradies für Amphibien ist. Wanderer, pass auf! Vor Deinen Füßen könnte eine Kröte durchs Laub hüpfen. Im Spreewald soll es 150 Tier- und Pflanzenarten geben, die auf der roten Liste für gefährdete Arten stehen. Auch Biber wohnen hier. Besondere Eindrücke sind auch im Sommer zu erwarten, bei 830 Schmetterlingsarten.

Pflanzen und Pilze
Pilze (Foto: Anne).
Auch sie gibt es en masse. Besonders im Herbst sind diverse Pilzarten zu sehen - sie wachsen auf lebenden und toten Bäumen, oder gern auch auf dem Waldboden. Der Kenner mag schon während einer Wanderung durch den Wald an eine schmackhafte Pilzpfanne denken. Auch Pflanzen gibt es an jeder Ecke, vor allem Laubbäume wie Erlen. Nadelbäume werden selten gesichtet. Die Vegetation hat mehrere Effekte: Sie schränkt den Blick ein, sodass der Reisende nur bis zur nächsten Wegbiegung schauen kann. Sie dämpft aber auch jeden Schall, sodass eine Wanderung durch den Spreewald immer auch dies ist: leise.

Infrastruktur
Es ist auch möglich, auf Booten zu essen,
z.B. Gurken (Foto: CS).
Im April 1991 hat die UNESCO das Biosphärenreservat Spreewald anerkannt. Lübbenau liegt mittendrin. Südwestlich von Lübbenau verlaufen die Autobahnen 13 und 15. Nordöstlich liegt der Spreewald zum Glück in ziemlicher Ruhe. Wanderwege, Fahrradverleihstationen und Kanuvermieter erschließen das Gebiet allerdings wunderbar für Menschen, die kurzzeitig auf einen Motor verzichten können.

Christian Schepsmeier


Siehe auch:



Sonntag, 28. Oktober 2012

Das Sonntagsfoto, Folge 12: Wird er seine Drohung wahrmachen?

Foto: NS

 
 
So neulich an einem teuren, konservativen Kombi (!) am Bielefelder Hauptbahnhof entdeckt. Wird der Besitzer aus dieser Ankündigung Taten folgen lassen?

Freitag, 26. Oktober 2012

Das Auto zum Wochenende, Folge 7: Alfa Romeo Montreal

Wenn Autobewunderer die Namen Maserati, Iso Rivolta oder De Tomaso hören, denken sie sofort an rassige Sportwagen - zum Beispiel aus den 1960er Jahren, als Ferrari und Lamborghini noch echte Rivalen waren. Noch heute stehen die meisten dieser Hersteller für exclusive Technik, hohe Preise und niedrige Stückzahlen. Bei Alfa Romeo sieht das schon anders aus. Die Alfa-Modelle haben sich unter der Herrschaft der Konzernmutter Fiat - übrigens leider genauso wie Lancia - immer mehr zu Brot-und-Butter-Produkten entwickelt. Doch zurück in eine Zeit, in der alles besser war. In der Sportwagen noch unvernünftig, laut, aggressiv und exzentrisch sein durften. Eine Zeit, in der Benzin noch richtig billig war, weil noch niemand etwas von der ersten Ölkrise ahnen konnte. Und eine Zeit, in der Alfa Romeo noch für das beste Design und die besten Motoren der Automobilwelt stand.

Filigrane Diva (Foto: NS)

1970 erblickte der Alfa Montreal das Licht der Welt, ein Jahr später ging er in den Verkauf. In einer Ära, in der das Automobildesign eh schon auf dem Höhepunkt war, setzte er noch einen drauf. Spektakulär, atemberaubend, allein die Frontpartie mit den lasziven Augen - halb geschlossen zwar, aber doch hellwach. Oder die Form der Türen. Oder die seitlichen Kiemen. Egal, aus welchem Winkel ich dieses breite, flache Auto betrachte, egal welcher Linie ich gerade folge, egal welche Kurve ich verinnerliche, ich habe bislang keine Perspektive gefunden, aus der der Montreal nicht traumhaft schön ist. Diese Mischung aus einerseits Stil und Eleganz, andererseits Aggressivität, Autorität und Potenz kann sich so nie mehr wiederholen. Denn heute müssen sich Autodesigner vor allem Sicherheitsbestimmungen, ja sogar dem Fußgängerschutz unterordnen. Ich werde hier nicht propagieren, dass die passive Sicherheit bei der Entwicklung zukünftiger Autos eine geringere Rolle spielen soll. Aber: Ich würde für den Spaß, den Thrill, die Lust, die mir eine Fahrt in einem Alfa Montreal bereiten würde, immer gern ein klein wenig mehr Risiko gehen. Vielleicht leben schöne Sportwagenklassiker auch ein wenig davon. Von der Gefahr. Aber eben auch von der Gefahr, nach ihnen süchtig zu werden.


Alfa Romeo Montreal in "verde" (Foto: NS)
Der Montreal ist begehrenswert, besonders in dem Farbton auf den Bildern. Er ist einer der rarsten Alfa Romeo (von 1971 bis 1977 wurden 3.925 Stück verkauft), vor allem sieht man selten einen, der nicht rot ist. Man kann heute ein gutes Exemplar für rund 30.000 Euro bekommen. Aber man sollte beachten, dass es dabei nicht bleiben wird. Die Folgekosten sind bei diesem Modell horrend, jede Reparatur, jedes Teil ist viel teurer als bei Modellen von der Stange. Immerhin ist die Wahrscheinlichkeit, ein Fahrzeug im ehrlichen Spitzenzustand zu erwischen, sehr hoch. Der Montreal hat auch als Oldtimer nie das Preisniveau vergleichbarer Lamborghini, Ferrari oder Maserati erreicht und war dadurch lange Zeit auch für Fans mit geringen finanziellen Mitteln leistbar. Diese kümmerten sich nicht genug um den Erhalt des Zustandes ihrer liebsten Stücke, sodass diese Fahrzeuge langsam wegrosteten. Auf dem heutigen Markt sind so fast nur noch komplett restaurierte Montreal zu finden. Ein gewisses Restrisiko bleibt aber immer. Ob ich das jemals eingehen würde, weiß ich nicht. Aber ich zolle jedem meinen größten Respekt, der die Kühnheit besitzt!


Nico Siemering, Bielefeld-Korrespondent


Siehe auch:

Das Auto zum Wochenende, Folge 6: VW Phaeton
Das Auto zum Wochenende, Folge 5: Citroen DS
Das Auto zum Wochenende, Folge 4: Mazda MX-5
Das Auto zum Wochenende, Folge 3: BMW X6
Das Auto zum Wochenende, Folge 2: Fiat 500
Das Auto zum Wochenende, Folge 1: Bugatti Veyron  EB 16.4

Donnerstag, 25. Oktober 2012

Ungewöhnliche Straßenschilder, Folge 2: Etwas wird von einer Welle überfallen

Das Männchen schreit im Angesicht der Gefahr (Foto: CS).
Das zweite Schild in der Reihe "Ungewöhnliche Straßenschilder" ist offensichtlich ein enger Verwandter des Schildes aus der ersten Folge. Hier wie dort spielt Wasser eine große Rolle, und in beiden Fällen bedeutet es: Gefahr. Doch während die Gefahr im Falle des ersten Schildes passiven Charakter hat (man muss aufpassen, dass man nicht ins Wasser fällt), geht vom Wasser im hier beschriebenen Fall eine aktive Gefahr aus. Es kommt über einen.

Hier sollte man als Schwimmer aufpassen.
Der Standort ist hier entscheidend: Das Schild ist nur vom Wasser aus zu sehen. Es hängt über einem Wehr in Schwerte, durch das ein kleiner Zufluss plätschert. Das Szenario ist klar: Wenn der kleine Zufluss - zum Beispiel nach heftigen Regenfällen - anschwillt, dann sollte man sich nicht direkt davor aufhalten. Sonst wird man vom Wasser überfallen.

Christian Schepsmeier

Siehe auch:
Ungewöhnliche Straßenschilder, Folge 1: Etwas stürzt in einen Graben

Dienstag, 23. Oktober 2012

Hier wurde erfolgreich polarisiert

Das kleinste Detail ist der Haufen unter dem Bären.
In einem kleinen Café am Körnerpark in Berlin-Neukölln haben sie wieder zugeschlagen: Die Gegner der sogenannten Gentrifizierung. Mit ihrem kleinen Aufkleber auf der Toilette wollen sie sagen: "Bleibt uns weg mit euren stylishen Läden! Ihr lockt uns nur die reichen Leute an, die uns dann unsere Wohnungen wegnehmen - weil sie mehr Miete zu zahlen im Stande sind."

Etwas subtiler als Sprayer-Slogans (Fotos: CS).
Bis zu einem gewissen Maß haben sie recht. Teile von Neukölln machen zur Zeit eine Entwicklung durch, wie sie Kreuzberg schon lange hinter sich hat: Cafés und Galerien eröffnen, die Mieten steigen, und neulich wurden auch schon die ersten Bioläden gesehen. Für manchen alteingesessenen Mieter ist das ein Graus. Und das tun die Alt-Neuköllner auch gern kund, von ihrem Fenster aus, auf ein Kissen gelehnt. Das sind einzelne Stimmen, die zusammen laut sind.

Der wirklich organisierte Protest aber, der zum Beispiel Sticker druckt und Häuserwände besprüht, kommt fast immer aus einem akademischen, studentischen, alternativen Milieu - von Leuten also, mit denen die Alteingesessenen kaum je zu tun haben (wollen). Das ist der vorherrschende Eindruck, und das ist seltsam. Woher kommt die Neigung, sich vor eine Gruppe zu stellen, zu der man selbst nicht gehört? Vom Styling her würde man die vermeintlichen Gentrifizierer häufig mit den Gegnern der Gentrifizierung verwechseln.

Christian Schepsmeier